Der in der Ostsee gestrandet Wal sorgt für hitzige Diskussionen in Deutschland. Die zentrale Frage lautet: Soll man ihn retten oder ihm seinen natürlichen Verlauf überlassen? In diesem Zusammenhang haben sich Verschwörungstheoretiker formiert, die unter dem Vorwand, dem Meeressäuger helfen zu wollen, teils bedrohliche Äußerungen tätigen. Wie kann ein verletzter Wal vor Timmendorf gerettet werden?
Die Situation um den Wal hat nicht nur die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich gezogen, sondern auch eine Gruppe von Verschwörungstheoretikern mobilisiert. Diese Personen betreten nicht nur von der Polizei gesperrte Bereiche, sondern äußern auch offen Morddrohungen gegen Politiker. Diese Drohungen erfolgen sowohl anonym im Internet als auch auf Demonstrationen.
Ein Teilnehmer einer solchen Demonstration in Mecklenburg-Vorpommern äußerte gegenüber einem Journalisten, er sei überzeugt, dass der Wal absichtlich in die Ostsee gelenkt wurde. „Das weiß ich aus mehreren Quellen. Die wollen Experimente mit dem machen“, sagte er. Ein Umstehender bekräftigte: „Endlich mal jemand, der hier Tacheles redet.“ Viele der Anwesenden teilen diese Überzeugung und glauben, dass Regierungen und Umweltorganisationen in einer Verschwörung zusammenarbeiten.
Psychologische Hintergründe der Verschwörungstheorien
Psychologe Stephan Grünewald erklärt, dass solche Verschwörungstheorien oft in Zeiten der Ohnmacht entstehen. „Durch die Verschwörungstheorie haben diese Leute eine Erzählung, dass es einen Schuldigen gibt: Wir sind nicht Opfer einer Laune der Natur, sondern diese Ohnmacht ist bewusst von einer bösen Macht, von Politikern, von wem auch immer, hergestellt worden“, erläutert er. Diese Sichtweise gibt den Anhängern das Gefühl, Kontrolle über ihre Situation zurückzugewinnen.
Für viele, die an diese Verschwörungstheorien glauben, ist die Situation leichter zu ertragen. Grünewald betont, dass die Anhänger das Gefühl haben, im Besitz einer höheren Wahrheit zu sein, was ihre Identität stärkt. „Wir sind die Einzigen, die es durchschaut haben“, wird oft als Argument verwendet. Diese Gruppendynamik kann gefährliche Ausmaße annehmen und zu extremen Drohungen führen.
Drohnungen und Gewaltbereitschaft
In einer Whatsapp-Gruppe mit dem Namen „Unser Hope“, die sich auf den Wal bezieht, äußerte eine Frau unverhohlene Drohungen gegen Umweltschützer und Politiker. „Alle müsste man verbrennen“, schrieb sie und bezeichnete die Betroffenen als „Pack“. Ihre Kommentare erhielten mehrfach Zustimmung von anderen Gruppenmitgliedern.
Auf einer Demonstration richtete eine 16-Jährige eine Warnung an den Umweltminister von Mecklenburg-Vorpommern, Till Backhaus: „Sie quälen ein Tier zu Tode. Also passen Sie auf, was Sie sagen. Sie bekommen Morddrohungen.“ Eine andere Demonstrantin bezeichnete die Morddrohungen als „ungeheuerlich“, was die Teenagerin jedoch nicht beeindruckte.
Verbindungen zwischen verschiedenen Gruppierungen
Holm Hümmler, Physiker und Skeptiker, sieht in den aktuellen Verschwörungserzählungen eine gefährliche Verbindung zwischen Esoterikern, Verschwörungsideologen und politischem Extremismus. Diese Gruppen, die sich nicht immer klar als rechtsextrem zeigen, äußern dennoch eine Gewaltbereitschaft und eine Ablehnung demokratischer Institutionen. Hümmler stellt fest, dass diese Verbindungen während der Corona-Pandemie besonders stark wurden und nun durch das Thema Wal erneut aufleben.
Der Wal hat sich zu einem Symbol des Umweltschutzes entwickelt, was auch von verschiedenen Organisationen gefördert wurde. Hümmler erklärt, dass Menschen, die sich aktiv gegen den Walfang eingesetzt haben, mittlerweile als Helden angesehen werden. Die Demonstranten, die gegen die Polizei vorgehen und Drohungen aussprechen, versuchen, an diesen Status anzuknüpfen.
Der Wal als Symbol für gesellschaftliche Krisen
Psychologe Grünewald sieht den Wal auch als Sinnbild für die gegenwärtigen Krisen in Deutschland. „Angesichts der ganzen Krisenmeldungen haben wir das Gefühl, im falschen Fahrwasser zu sein. Das ganze Land ist mittlerweile in einem Zustand der Manövrierunfähigkeit“, sagt er. Die Hoffnung, den Wal zu retten, wird als Möglichkeit gesehen, auch das eigene Leben und das Land wieder in Ordnung zu bringen.
Dennoch ist sich Hümmler sicher, dass man dem Wal nicht wirklich helfen kann. „Schon die Nordsee ist die Hölle für Wale“, erklärt er. Die Ostsee sei für einen Wal dieser Größe aufgrund des niedrigen Salzgehalts und der flachen Gewässer eine aussichtslose Situation.
Die Debatte um die Rettungsmaßnahmen
Die Meinungen darüber, wie mit dem Wal verfahren werden sollte, gehen auseinander. Grünewald warnt, dass jede Entscheidung, die getroffen wird, problematisch sein kann. „Wenn man ihn retten will, obwohl er eigentlich im Abgesang ist, ist das ein zusätzliches Drangsal. Wenn wir ihn seinem Schicksal überlassen, obwohl er noch vitale Lebenskräfte hat, ist das wieder unterlassene Hilfeleistung“, erklärt er. Fachkräftemangel in der Fleischwirtschaft: Die Folgen des demografischen Wandels
Umweltminister Backhaus steht ebenfalls vor einem Dilemma. Zunächst hatte er erklärt, dass er keine Hilfe mehr zulassen werde und das Tier in Ruhe gelassen werden solle. Dennoch zeigt er sich täglich am Ort des Geschehens und koordiniert die verschiedenen Einsatzkräfte. Zudem genehmigte er eine neue Rettungsaktion, die kürzlich gestartet wurde. Unternehmer, die sich für den Wal einsetzen, glauben, dass es eine Chance gibt, ihn zu retten, wenn man aktiv wird.
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