Ob Tabak, Alkohol oder Fertiggerichte – zahlreiche Produkte stellen eine Gefahr für die Gesundheit dar. Eine aktuelle Analyse macht die Hersteller für eine alarmierende Anzahl an Opfern verantwortlich und zeigt auf, wie die Industrie gezielt die Forschung beeinflusst.
Viren sind nicht die einzigen Verursacher von Krankheiten – auch Unternehmen, die gesundheitsschädliche Produkte herstellen und vertreiben, tragen erheblich zur Zunahme nichtübertragbarer Krankheiten bei. Dies kritisiert ein Forscherteam im renommierten New England Journal of Medicine. „Der weltweite Anstieg bestimmter chronischer Krankheiten ist alarmierend“, erklärt der Hauptautor Nicholas Chartres von der Universität Sydney.
Fossile Brennstoffe, Tabak, hochverarbeitete Lebensmittel, giftige Chemikalien, Kunststoffe und Alkohol sind laut dem Beitrag maßgebliche Faktoren für den globalen Anstieg chronischer Krankheiten. Dazu zählen unter anderem Krebs, Diabetes, neurokognitive Störungen und Unfruchtbarkeit. „Die Zunahme gesundheitsschädlicher Produkte spiegelt den Anstieg bestimmter chronischer Krankheiten in beunruhigendem Maße wider“, so Chartres, der als wissenschaftlicher Leiter des Forschungszentrums C2ECH an der Universität von Kalifornien tätig ist.
Die fünf gefährlichen Produktgruppen
Die Auswirkungen solcher Produkte werden oft erst durch an die Öffentlichkeit gelangte Unternehmensdokumente sichtbar. Die Datenbank der Universität von Kalifornien umfasst mittlerweile über 24 Millionen öffentlich zugängliche Dokumente zu gesundheitsschädlichen Branchen.
Nach Angaben der Expertengruppe sind weltweit fünf kommerzielle Produktgruppen für nahezu ein Drittel aller jährlichen Todesfälle verantwortlich:
- Fossile Brennstoffe: 8,1 Millionen Todesfälle
- Tabak: 7,2 Millionen Todesfälle
- Hochverarbeitete Lebensmittel: 2,3 Millionen Todesfälle
- Chemikalien: 1,8 Millionen Todesfälle
- Alkohol: 1,8 Millionen Todesfälle
„Um unsere Gesundheit zu schützen, ist es entscheidend, die unternehmerischen Ursachen von Krankheiten zu analysieren und zu verstehen sowie Wege zu finden, ihren Einfluss einzudämmen“, betont Chartres. Politische Maßnahmen und ein verstärkter Fokus auf die gesundheitlichen Risiken, die mit Unternehmensaktivitäten verbunden sind, seien notwendig.
Manipulation von Forschungsergebnissen
Zu den Methoden, mit denen wissenschaftliche Daten verfälscht werden, zählen die Beeinflussung von Forschungsfragen, Angriffe auf und Diskreditierung unabhängiger Wissenschaftler sowie die Unterdrückung von Daten über gesundheitliche Schäden durch Produkte. Ein Beispiel hierfür ist die Herabsetzung der Schädlichkeit von PFAS durch Hersteller. Die Zuckerindustrie hat in den USA Wissenschaftler und Forschungsprojekte finanziert, die gesättigte Fettsäuren als Hauptursache für koronare Herzkrankheiten darstellten und von Zucker als eigentlichem Problem ablenkten.
„Obwohl sie auf dem Markt miteinander konkurrieren, arbeiten Unternehmen in gesundheitsschädlichen Branchen oft zusammen, um zu verhindern, dass die Regierung Vorschriften erlässt, die ihre Macht oder Reichweite einschränken könnten“, heißt es im Bericht. So habe die Tabakindustrie beispielsweise mit der Alkoholindustrie und Handelsverbänden kooperiert, um Gesetze zum Schutz der Innenraumluft in den USA zu untergraben.
Die Lehren aus der Tabakindustrie
Unterlagen der Industrie zeigen, dass Führungskräfte der Tabakkonzerne seit Jahrzehnten über die gesundheitlichen Risiken des Rauchens informiert waren, diese Informationen jedoch der Öffentlichkeit vorenthalten haben. „Die Forschung zur Tabakindustrie liefert eine Blaupause dafür, wie andere unternehmerische Einflüsse auf die Gesundheit erkannt und bekämpft werden können“, sagt Chartres.
Nachdem die falschen Angaben der Tabakindustrie über die Sicherheit ihrer Produkte aufgedeckt wurden, gab es in wohlhabenden Ländern einen signifikanten Rückgang des Rauchens. Dennoch bleiben viele andere gesundheitsschädliche Branchen weitgehend unreguliert. Öffentlichkeit und politische Entscheidungsträger sollten sich bewusst sein, dass auch andere Industrien ähnliche Taktiken anwenden, um Unsicherheit zu schaffen und Regulierungsmaßnahmen zu verzögern.
Regulierungsbedarf für gesundheitsschädliche Produkte
„Wir müssen diese Produkte genauso regulieren wie Tabak“, fordert Chartres. Auch Mitautorin und C2ECH-Mitbegründerin Tracey Woodruff betont: „Eine klare Lösung für die unternehmerischen Ursachen von Krankheiten besteht darin, ähnliche Beschränkungen für den politischen Einfluss aller gesundheitsschädlichen Branchen zu erlassen.“
Notwendig sind beispielsweise Vorschriften, die gesundheitsschädlichen Branchen im Rahmen eines globalen Abkommens – ähnlich dem Tabakabkommen – die Einflussnahme auf die Politik untersagen. Zudem sollten Datenbanken eingerichtet werden, die Zahlungen der Industrie an Wissenschaftler und politische Entscheidungsträger erfassen und offenlegen. Ein Verbot finanzieller Verbindungen zwischen der Industrie und Forschern durch Regierungen wäre ebenfalls sinnvoll.
Zusammenhang zwischen Ernährung und Gesundheit
Gerade erst hat die European Society of Human Reproduction and Embryology (ESHRE) Daten veröffentlicht, die einen statistischen Zusammenhang zwischen dem Verzehr großer Mengen hochverarbeiteter Lebensmittel und einer verminderten Fruchtbarkeit bei Männern sowie einem gestörten Wachstum früher Embryonen im Mutterleib zeigen. Auch wenn noch keine ursächliche Verbindung nachgewiesen ist, empfehlen die Autoren der im Fachjournal Human Reproduction veröffentlichten Studie, bei Kinderwunsch und während der Schwangerschaft weniger solche Produkte zu konsumieren.
Hochverarbeitete Lebensmittel (UPF) sind laut der Nova-Klassifizierung industriell hergestellte Produkte, die aus günstigen Zutaten wie gehärteten Ölen und Glukose-/Fruktosesirup sowie Zusatzstoffen wie Aromen und Farbstoffen bestehen. Diese Produkte durchlaufen meist zahlreiche Verarbeitungsschritte und sind oft verzehrfertig oder nur noch aufzuwärmen.
Der Einfluss der Lebensmittelindustrie
Die zunehmende Dominanz hochverarbeiteter Lebensmittel in der Ernährung trägt zum weltweiten Anstieg von Fettleibigkeit, Diabetes und psychischen Erkrankungen bei, warnte ein Expertenteam kürzlich im Fachjournal The Lancet. Eine starke globale Reaktion, ähnlich den koordinierten Bemühungen gegen die Tabakindustrie, sei notwendig.
Die Verdrängung etablierter Ernährungsgewohnheiten durch hochverarbeitete Lebensmittel ist ein wesentlicher Treiber für die weltweit steigende Belastung durch ernährungsbedingte chronische Krankheiten. Der Anteil hochverarbeiteter Lebensmittel an der menschlichen Ernährung wird durch die wachsende wirtschaftliche und politische Macht der UPF-Industrie vorangetrieben. Mit einem jährlichen Umsatz von rund 1,9 Billionen US-Dollar im Jahr 2023 ist dieser Sektor bereits der profitabelste Teil der globalen Lebensmittelindustrie.
Gesundheitliche Folgen und notwendige Maßnahmen
Deutschland gehört zu den Ländern mit dem höchsten Pro-Kopf-Verbrauch an hochverarbeiteten Lebensmitteln. Studien zeigen, dass in Deutschland weniger frische, gering verarbeitete Lebensmittel konsumiert werden als empfohlen, während Produkte wie Softdrinks, Süßwaren, salzige Snacks und verarbeitetes Fleisch häufiger als empfohlen verzehrt werden.
Die Veränderung der Ernährungsgewohnheiten wird von mächtigen globalen Konzernen vorangetrieben, die durch hochverarbeitete Produkte enorme Gewinne erzielen. Durch umfangreiches Marketing und politische Lobbyarbeit verhindern sie wirksame Maßnahmen zur Förderung einer gesunden Ernährung.
Es ist klar, dass deutlich mehr unternommen werden muss, um die gesundheitsschädlichen Industrien und die Auswirkungen fossiler Brennstoffe, giftiger Chemikalien, hochverarbeiteter Lebensmittel sowie den Einfluss von Konzernen auf die Wissenschaft und die Gesundheit von Kindern anzugehen. Besonders besorgniserregend sind die zunehmenden Tuberkulosefälle in Europa, die auf die Vernachlässigung gesundheitlicher Risiken hinweisen. Auch der Fachkräftemangel in der Fleischwirtschaft ist ein Thema, das nicht ignoriert werden sollte. Zudem sind die rechtlichen Rahmenbedingungen für Unternehmen, wie das Gerichtsurteil gegen Tech-Giganten, von großer Bedeutung.
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