Die entscheidende Frage im Hinblick auf die wirtschaftlichen Ambitionen von Aliko Dangote ist, ob seine Pläne für zwei milliardenschwere Börsengänge tatsächlich das Potenzial haben, die industrielle Entwicklung Afrikas voranzutreiben. Der nigerianische Unternehmer, der als reichster Mann des Kontinents gilt, möchte durch diese Schritte nicht nur Kapital für seine Unternehmen mobilisieren, sondern auch ein Modell für die wirtschaftliche Selbstständigkeit Afrikas etablieren.
Ziele der Börsengänge
Im September plant Dangote, seine Zementsparte an die Londoner Börse zu bringen, wobei etwa zehn Prozent der Aktien für externe Investoren angeboten werden. Die Bewertung von Dangote Cement liegt bei knapp 13 Milliarden Dollar, und das Unternehmen ist bereits in Lagos gelistet sowie in elf afrikanischen Ländern aktiv.
„In London geht es für uns vor allem um Geschwindigkeit und den direkten, unkomplizierten Zugang zu globalen Investoren“, erklärte Mariya Dangote, Executive Director der Zementsparte und Tochter des Unternehmers. Zuvor hatte der Konzern auch Dubai als möglichen Standort geprüft, sich jedoch aufgrund langwieriger regulatorischer Verfahren gegen das Emirat entschieden.
Ein umfassendes Projekt
Im Oktober folgt dann der zweite, weitaus größere Börsengang von Dangotes Ölraffinerie in Lagos, bei dem der nigerianische Tycoon plant, rund fünf Milliarden Dollar einzusammeln. Dies würde den größten Börsengang Afrikas darstellen. Die Mittel sollen unter anderem in den Ausbau der Raffinerie und in eine weitere Anlage in Kenia fließen.
Es handelt sich um ein ausdrücklich panafrikanisches Projekt, da Börsen in Südafrika, Kenia, Ägypten, Ghana und Ruanda Interesse an einer Beteiligung bekundet haben. Allein aus Kenia könnten bis zu 500 Millionen Dollar kommen. Laut der Nachrichtenagentur Reuters besteht auch bei institutionellen Anlegern wie Pensionsfonds ein „enormes“ Interesse.
„Ist diese Investition unser wirtschaftlicher Weckruf?“, fragt der ostafrikanische Ökonom Dennis Kabaara in einer Analyse für Kenias Leitmedium „The Standard“.
Wertschöpfung vor Ort
Das zentrale Argument für Dangotes Vorhaben liegt in der neu errichteten Raffinerie, die mit einem Investitionsvolumen von rund 20 Milliarden Dollar die größte Afrikas ist. Ihre Kapazität beträgt 650.000 Barrel Rohöl pro Tag. Nigeria gehört zu den größten Erdölproduzenten der Welt, doch die Verarbeitung des Rohöls fand bisher überwiegend im Ausland statt, was einen bedeutenden Teil der Wertschöpfung entzogen hat. Jahrzehntelang war das Land gezwungen, seine Kraftstoffe teuer zu importieren.
Dangote hat diese Logik umgekehrt. Seine Raffinerie verarbeitet das Rohöl vor Ort, was es Nigeria ermöglicht, mehr Kraftstoffe selbst zu produzieren und sogar zu exportieren. Die Anlage beliefert mittlerweile auch Europa und exportiert unter anderem Kerosin und andere Ölprodukte. Dies ist der Kern von Dangotes Vision: Afrika soll nicht nur Rohstoffe fördern, sondern auch selbst produzieren, verarbeiten, exportieren und verkaufen.
Vom Händler zum Industriekapitän
Dangotes Aufstieg begann 1977 in Kano im Norden Nigerias. Der damals 20-jährige Wirtschaftsstudent startete mit einem Kredit seines Onkels und drei Lastwagen, um mit Reis, Zucker und Zement zu handeln. Aus diesem kleinen Handelsgeschäft entwickelte sich im Laufe der Jahrzehnte ein umfassendes Industrieimperium.
Heute ist die Dangote Group in den Bereichen Zement, Zucker, Düngemittel und Öl tätig. Allein Dangote Cement hat eine Produktionskapazität von 55 Millionen Tonnen pro Jahr und ist in elf afrikanischen Ländern aktiv. In Nigeria betreibt das Unternehmen vier Zementwerke und kontrolliert die gesamte Produktionskette – von der Grube bis zum Sack.
Wachstumsziele bis 2030
Aliko Dangote hat sich ein ehrgeiziges Wachstumsziel gesetzt. Der reichste Unternehmer Afrikas plant, den Jahresumsatz der Dangote Group bis 2030 von rund 20 Milliarden US-Dollar auf 100 Milliarden US-Dollar zu steigern. Bereits in den kommenden drei Jahren soll der Umsatz nach Unternehmensangaben auf 80 Milliarden US-Dollar wachsen.
Das Wachstum soll vor allem von der Raffinerie, dem Zementgeschäft und der Düngemittelsparte getragen werden. Mit der Inbetriebnahme der Raffinerie investierte der Konzern Milliarden in den Ausbau der Energieversorgung Afrikas. Gleichzeitig baut Dangote seine Position als größter Zementproduzent des Kontinents weiter aus.
Strategie zur wirtschaftlichen Selbstständigkeit
Das Geschäftsmodell der Dangote Group folgt einem klaren Prinzip: Wo Infrastruktur fehlt, wird sie selbst aufgebaut. Produktion, Energie, Logistik und Vertrieb sind eng miteinander verbunden, sodass der Konzern große Teile seiner Wertschöpfungskette kontrolliert und seine Produkte auch in Regionen mit schwacher staatlicher Infrastruktur vertreiben kann.
Dangote bezeichnet seine Strategie als Beitrag zur wirtschaftlichen Selbstständigkeit Afrikas. Damit steht er für die Idee des „Africapitalism“, nach der private Unternehmen Industrie und Infrastruktur aufbauen sollen, die der Staat allein nicht finanzieren kann.
Allerdings hat Dangote auch Kritiker. Ihnen zufolge hat er eine dominante Stellung in wichtigen Märkten, insbesondere im Zementgeschäft, aufgebaut. Zudem wird ihm vorgeworfen, dass seine Nähe zur Politik und protektionistische Maßnahmen seinen Aufstieg begünstigt haben.
Das Modell ist somit ambivalent: Einerseits investiert Dangote Milliarden in die Industrie und will Afrikas Abhängigkeit von Importen verringern, andererseits konzentriert sich wirtschaftliche Macht in hohem Maße bei einem einzelnen Unternehmer. Die bevorstehenden Börsengänge stellen einen entscheidenden nächsten Schritt dar: Dangote muss beweisen, dass sich nicht nur in Nigeria, sondern in ganz Afrika mit seinem Modell erfolgreich Geschäfte machen lassen.
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Quellen: n-tv
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