Wirtschaft
Hürden für deutsche Raumfahrt-Startups: Bürokratische Herausforderungen im Weltraumsektor
04.04.2026, 13:10 Uhr
Mehr als 100 Startups in Deutschland streben danach, den Weltraum zu erobern. Trotz eines großzügigen Budgets zur Förderung dieser Unternehmen bleiben die bürokratischen Hürden hoch.
Der Weltraumpionier Wernher von Braun soll einst angemerkt haben, dass westliche Bürokratie dazu beigetragen habe, dass die Sowjetunion 1957 den USA zuvorkam und als erste einen Satelliten in die Umlaufbahn brachte. Rund 70 Jahre später sehen sich junge deutsche Raumfahrtunternehmen bei der Erschließung des Zukunftsmarktes Weltraum offenbar mit ähnlichen Hürden konfrontiert.
„Die öffentlichen Auftraggeber müssen vermehrt dazu übergehen, Lösungen zu kaufen, anstatt Spezifikationen bis ins kleinste Detail vorzuschreiben“, fordert Andreas Kanstein, Geschäftsführer des Centrums für Satellitennavigation Hessen (Cesah). Diese Organisation hat sich zum Ziel gesetzt, die Entwicklung von Raumfahrttechnologien zu beschleunigen und dient als Ansprechpartner für Unternehmensgründer. „Wir brauchen europäische Champions. Hierzu muss der Staat verstärkt als Erstkunde auftreten und eventuelle Fehlschläge in Kauf nehmen.“ Nur so kann Europa, so die einhellige Meinung von Experten, in dem milliardenschweren Markt mitmischen.
Bürokratische Hürden bei der Auftragsvergabe
Bei der Auftragsvergabe durch staatliche Stellen liegt der Fokus häufig auf der Minimierung von Risiken: Bewerber müssen testierte Bilanzen vorweisen, und es drohen hohe Vertragsstrafen. Da sich der Staat oft exklusive Nutzungsrechte sichert, wird das Wachstum der Startups gebremst, die ihre Technologien dann nicht anderweitig vermarkten dürfen. Auch die Forschungsförderung gestaltet sich komplex: Unternehmen müssen aus Tausenden Programmen mit eigenen Kriterien das passende finden. Die Bewilligung dauert oft Monate, zudem müssen Projekte meist vorfinanziert werden. Ein kleines Startup wie The Plasma Rocket Company, das Manövriertriebwerke für Satelliten entwickelt, sieht sich dadurch vor Herausforderungen: „Der Staat könnte als Ankerkunde aktiver sein. Das würde es mir erleichtern, an Kredite zu kommen“, erklärt Gründer Danny Kirmse, der zur Absicherung seines Lebensunterhalts einen Teilzeitjob bei einem Material- und Messtechnik-Unternehmen hat.
Unterstützung durch den Bund
Der Bund sieht sich selbst als umfassenden Unterstützer von Startups. Es gibt zahlreiche spezielle Förderprogramme, betont das Bundesforschungsministerium. Zudem prüft die Agentur für Sprunginnovation Sprind weitere Weltraumprojekte. Der Staat tritt teils bereits als Ankerkunde auf.
Finanzierung und Marktentwicklung
Schätzungen zufolge sind in Deutschland mehr als 100 „New Space“-Unternehmen aktiv. Experten verstehen darunter Startups, die das Weltall als Wirtschaftsraum erschließen wollen. Laut dem Branchendienst Spacenexus betrug das weltweite Volumen dieses Sektors im Jahr 2025 etwa 380 Milliarden Dollar. Der Markt wird auf absehbare Zeit um jährlich sieben bis neun Prozent wachsen.
Jonas Kellner, Sprecher der Rocket Factory Augsburg (RFA), äußert sich optimistisch: „Der Bedarf an souveränem, unabhängigem Zugang zum Weltraum ist sehr viel größer als noch vor ein paar Jahren.“ RFA plant für Herbst 2026 den ersten Testflug einer Rakete für niedrige Umlaufbahnen. Der Konkurrent HyImpulse aus Neuenstadt am Kocher beabsichtigt ebenfalls, in den kommenden Monaten eine verbesserte Version seiner Rakete „SR75“ vom britischen Weltraumbahnhof SaxaVord zu starten.
Politische Unterstützung und militärische Unabhängigkeit
Nach mehrfachen Verzögerungen steht die Trägerrakete „Spectrum“ der Münchener Isar Aerospace kurz vor dem Start. Sie soll Kleinsatelliten ins All befördern. Kürzlich begutachtete Bundeskanzler Friedrich Merz die Startvorbereitungen des Unternehmens im norwegischen Andoya. „Die Politik hat erkannt, wie wichtig unsere Branche ist“, sagt HyImpulse-Chef Christian Schmierer. „Von günstigen Satellitenstarts profitieren auch staatliche Institutionen oder die Bundeswehr.“
Aus sicherheitspolitischer Sicht wird die Unabhängigkeit von außereuropäischen Weltraumfirmen immer wichtiger. Der Ukraine-Krieg verdeutlicht die Bedeutung von Satelliten für Kommunikation, Navigation und Erdbeobachtung. Der Bund hat daher ein 35 Milliarden Euro schweres Aufrüstungsprogramm für den Weltraum aufgelegt. Davon sollen zehn Milliarden Euro in ein nationales Satelliten-Netzwerk fließen, das von der Rüstungsfirma Rheinmetall, dem Luft- und Raumfahrtkonzern Airbus und dem Satellitenbauer OHB realisiert werden soll.
Fehlende Details zur Umsetzung der Rüstungspläne
Startups bemängeln jedoch, dass ihnen bislang Details zur Umsetzung der Rüstungspläne fehlen, erklärt Victor Maier, Deutschland-Chef von The Exploration Company. Das Unternehmen aus Planegg bei München entwickelt wiederverwendbare Raumkapseln, um Fracht zu Weltraumstationen zu transportieren. Es benötigt alternative Trägersysteme zu den SpaceX-Raketen des umstrittenen US-Milliardärs Elon Musk. Die Frachtkapsel Nyx sei zu schwer für aktuelle deutsche Raketen, und der Transport mit der europäischen „Ariane 6“ sei zu kostspielig, so Maier.
Walter Ballheimer, der Chef des Berliner Satellitenbauers Reflex Aerospace, fordert ein eigenes Ökosystem für die Branche. Von der Rakete bis zum Satelliten müssten mehrere heimische Anbieter gefördert werden, um Ausfälle abzufedern. „Nur so stellen wir sicher, dass wir in Zukunft nicht vor denselben Abhängigkeiten stehen wie heute.“ Dazu müsse das Vergabeverfahren grundlegend reformiert werden. „Die bisherigen Ausschreibungen sind so komplex, dass sich meist nur Großkonzerne darauf bewerben können.“
Reformen im Beschaffungswesen
Das Verteidigungsministerium verweist auf Reformen im Beschaffungswesen, die Startups zugutekommen sollen. So sollen künftig Startkapazitäten bei Raketenbauern verbindlich gebucht werden. Die Produkte junger Firmen seien jedoch oft nicht kurzfristig verfügbar. „Kritische, militärische Fähigkeiten setzen zudem einen Nachweis der technologischen Zuverlässigkeit voraus, der nicht immer von Startups geleistet werden kann.“
Dennoch besteht eine Finanzierungslücke zu US-Wettbewerbern. Laut der Risikokapitalfirma Seraphim floss 2025 zwar die Rekordsumme von 12,4 Milliarden Dollar in den Sektor, heimische Startups erhielten jedoch nur ein Fünftel davon. Europa müsse nachlegen, fordert Daiva Rakauskaite von der Wagniskapitalfirma Aneli, die sich auf die Finanzierung von Startups in der Frühphase spezialisiert hat. „Die kommenden Jahre sind entscheidend, um politische Ambitionen in industriellem Maßstab zu verwirklichen.“ Starte durch mit ‚wedium‘: Ein neues Kapitel für soziale Netzwerke aus Europa. Wie geht es mit Kik weiter? Schließt der Discounter 300 Filialen? Preisanpassungen für das Deutschlandticket: Automatische Erhöhungen ab 2027 beschlossen.
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