Viele Augenärzte verlangen laut Recherchen für Grauer-Star-Operationen von ihren Patienten hohe Beträge für angebliche „Premiumlinsen“, die eigentlich von den Krankenkassen übernommen werden sollten. Zudem werden fragwürdige Laser-Operationen beworben.
Petra Schneider (Name geändert) äußert sich enttäuscht: „Mit dieser Dreistigkeit habe ich absolut nicht gerechnet.“ Sie litt an einem Grauen Star, einer Erkrankung, die im Laufe des Lebens fast jeden Menschen betrifft. Dabei trüben sich die Augenlinsen, was zu einer milchigen Sicht führt. Um die Sehkraft wiederherzustellen, wird die natürliche Linse durch eine künstliche ersetzt. In Deutschland werden jährlich rund eine Million solcher Eingriffe durchgeführt, was diese Operation zur häufigsten macht.
Patienten haben Wahlmöglichkeiten
Bei der Behandlung haben Patienten die Möglichkeit, zwischen einer Standardlinse, die von der Krankenkasse übernommen wird, und einer sogenannten „Premiumlinse“ zu wählen. Letztere müssen sie selbst finanzieren. Standardmäßig werden Monofokallinsen eingesetzt, die entweder für die Nähe oder die Ferne scharfes Sehen ermöglichen. „Premiumlinsen“ hingegen gibt es in verschiedenen Ausführungen, einige funktionieren ähnlich wie Gleitsichtbrillen.
Hohe Kosten für Standardlinsen
Recherchen zeigen, dass viele Augenärzte bestimmte Monofokallinsen als „Premiumprodukte“ vermarkten und dafür Hunderte Euro von den Patienten verlangen, obwohl diese Linsen vollständig von der Krankenkasse abgedeckt werden. Petra Schneider wollte die „beste Behandlung“ für ihr Auge und entschied sich für die angebotenen „Premiumlinsen“ für fast 1.000 Euro.
„Bei uns in der Klinik hätte sie nicht einen Cent gezahlt“, erklärt Erik Chankiewitz, Chefarzt der Augenklinik im Städtischen Klinikum Braunschweig.
Die „Premiumlinsen“, die Schneider erhielt, werden dort standardmäßig ohne Zuzahlung eingesetzt. Es handelt sich um asphärische Monofokallinsen, die eine bessere Sicht ermöglichen. International gelten diese Linsen als medizinischer Standard, während sphärische Linsen in Deutschland weiterhin verwendet werden, obwohl sie kaum noch international zum Einsatz kommen.
Intransparente Preisgestaltung
Die Überprüfung der Zuzahlungen gestaltet sich für Patienten als schwierig, da die Preise für die Linsen geheim gehalten werden. Hersteller verhandeln diese individuell mit Ärzten und Kliniken. Auf Anfragen hin gaben viele große Firmen, Kliniken und Praxen keine konkreten Beträge an. Der Verband der Augenchirurgen (BDOC) erklärte, dass „Preise und Preisdifferenzen nicht präzise ermittelt werden können“, da es eine Vielzahl von Anbietern und Linsen gibt.
Nach den Recherchen gibt es jedoch kaum Preisunterschiede zwischen sphärischen und asphärischen Monofokallinsen. Daten aus anderen Ländern wie Belgien und der Slowakei zeigen, dass beide Linsenarten ähnlich günstig erhältlich sind. Ein Insider berichtet, dass gute asphärische Linsen in der Regel weniger als 80 Euro kosten, was deutlich unter dem Betrag liegt, den Krankenkassen als Pauschale erstatten. Dies deutet darauf hin, dass OP-Zentren mit jeder Linse Gewinn erzielen. Der Insider bezeichnet das zusätzliche Geld, das von Patienten verlangt wird, als „richtigen Missbrauch“.
Abrechnungsbetrug im Fokus
Ärzte dürfen nur mit ihren medizinischen Leistungen Geld verdienen, nicht mit dem Verkauf von Implantaten. Daher taucht in den meisten Abrechnungen kein konkreter Aufpreis für die Linse auf. Kliniken rechnen stattdessen nur Pauschalen ab oder führen zusätzliche Kosten an, die angeblich notwendig seien.
„Für eine asphärische Linse ist kein extra Aufwand in der Praxis notwendig“, sagt Erik Chankiewitz vom Städtischen Klinikum Braunschweig.
Mehrere Chefärzte von Universitätskliniken bestätigen, dass die erforderlichen Untersuchungen und der Aufwand bei der Operation gleich bleiben, unabhängig davon, ob sphärische oder asphärische Linsen verwendet werden. Medizinrechtler Andreas Spickhoff von der Ludwig-Maximilians-Universität in München erklärt, dass es sich um Abrechnungsbetrug handelt, wenn Patienten getäuscht werden, dass eine medizinische Leistung notwendig sei. Wiederholte Täuschungen könnten als gewerbsmäßiger Betrug eingestuft werden.
Fragwürdige Zusatzkosten
Die Klinik, in der Petra Schneider operiert wurde, gehört zu einer der größten Augenarztketten Deutschlands. Auf Anfragen reagierte die Klinik nicht. Neben den hohen Preisen für Standardlinsen gibt es auch bei einigen „echten“ Premiumlinsen fragwürdige Praktiken. Christine Kondschak ließ sich im Augenzentrum Eckert operieren und wählte eine Sonderlinse, die scharfes Sehen in unterschiedlichen Entfernungen ermöglicht. Die Abrechnung wies Mehrkosten von knapp 500 Euro für die Linse aus, was angemessen erscheint. Allerdings verlangte die Klinik zusätzlich rund 1.700 Euro für angebliche Mehraufwände.
„Das ist die gehobene Form der Unanständigkeit“, bewertet Spickhoff die Abrechnung.
Das Augenzentrum Eckert weist die Vorwürfe zurück und verweist auf eine Honorarvereinbarung, die die Patientin unterschrieben habe. Sie hätte die Operation auch in einer anderen Praxis durchführen lassen können.
Teure Laserunterstützung
Ein weiteres Problem sind die hohen Kosten für eine teure Laserunterstützung, die viele OP-Zentren anbieten, oft für mehr als 1.000 Euro pro Auge. Der Nutzen dieser Laserbehandlungen wird von Experten als fragwürdig angesehen. Prof. Thomas Reinhard, Chefarzt am Universitätsklinikum Freiburg, erklärt, dass unabhängige Studien zeigen, dass der Laser für die Patienten wahrscheinlich keinen Vorteil bringt.
Der Bundesverband der Augenärzte sieht kein systemisches Problem, hält es jedoch für richtig, individuelle Mehrleistungen selbst zu tragen, anstatt alle Beitragszahler zu belasten. Sollte es zu Missbrauch kommen, empfiehlt der Verband, das Verhalten zu hinterfragen und zu verfolgen.
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Quellen: tagesschau